Internationaler Freiwilligendienst in Pandemie-Zeiten

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GEDENKSTÄTTEN GESTAPOKELLER UND AUGUSTASCHACHT – Mai 2020

Internationaler Freiwilligendienst in Pandemie-Zeiten

Anna Khovanska

Ursprünglich war nur Anna Khovanska für den Freiwilligendienst in den Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht vorgesehen. Dort arbeitet die 27-Jährige bereits seit September 2019. Sie stammt aus Donezk, einer Stadt in der Ukraine, wo sie an der Nationalen Universität Geschichte studierte. Vor ihrem Jahr in Deutschland unterrichtete sie dieses Fach an einer Grundschule ihrer Heimatstadt. Für den Freiwilligendienst hat sie sich beworben, um sich mit Gedenkstätten in Deutschland auseianderzusetzen.

Entsendet wurde die Freiwillige von der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF), eine Organisation, welche sich für Solidarität und Frieden engagiert. Eigentlich die einzige ASF-Freiwillige, kam in Zeiten von Corona alles anders und seit Mitte März arbeitet sie mit einem zweiten Freiwilligen von ASF zusammen.
 

Florin Maletz

Der zweite Freiwillige, Florin Maletz, startete seinen Freiwilligendienst für ASF in der Gedenkstätte Lidice bei Prag. Diese erinnert an die Vernichtung des kleines Ortes und die Ermordung seiner Bewohner durch die Nationalsozialisten 1942. »Teil meiner Arbeit war es, englisch- und deutschsprachige Gruppen über das Gedenkstättenareal zu führen und bei anderen praktischen Aufgaben, wie beim Aufbau von neuen, temporären Ausstellungen zu helfen,« berichtet der 19-jährige Osnabrücker.


Florin Maletz führt seine ASF-Mitfreiwilligen über das Pietätsgelände,
wo sich das alte Lidice vor seiner Zerstörung befand. Foto: Gerhard Reininghaus


Mitte März wurde er dann von ASF wegen der unübersichtlichen und bedrohlichen Coronasituation nach Deutschland zurückgerufen. Seitdem hilft er in den Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht. Wie die meisten Freiwilligen in Deutschland entschied sich Anna Khovanska gegen die Rückkehr in die Ostukraine, wegen dem potentiellen Ansteckungsrisiko auf der Reise.
 

Arbeiten für die Osnabrücker Gedenkstätten

Beide Gedenkstätten waren schon vor der Coronakrise für Besucher geschlossen, weil derzeit ein wissenschaftliches Team an einer neuen Daueraustellung zum Thema Polizeiherrschaft und Zwangsarbeit arbeitet. Um das Infektionsrisiko zu verringern, arbeiten beide Freiwillige teilweise im Homeoffice. Für Anna Khovanska ist dabei das wichtigste, dass sie »trotz der Situation, einen geregelten Alltag habe und regelmäßig in den weitläufigen Augustaschacht zur Arbeit radeln kann.«
 




Anna Khovanska und Florin Maletz packen mit an und decken die neuen Ausstellungsstücke
in der Gedenkstätte Augustaschacht ab. Foto: Michael Gander

 

Sie und Florin Maletz unterstützen dort die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gedenkstätte. Mitunter werteten sie die digitalisierte Kartei der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) aus, um diese später im Rahmen einer Recherchestation in den Gedenkstätten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Teil dieser Arbeit war es unter anderem zu prüfen, welche Namen in der Gestapokartei anonymisiert werden müssen. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn eine deutsche Frau und ein Zwangsarbeiter ein Kind bekommen haben. Eine Fleißarbeit, wie Anna Khovanska erklärt, da jeder Text zu hunderten Fällen gelesen werden muss, »damit nicht ausversehen irgendwo der Klarname einer anonymisierten Person auftaucht.«
 

Aussichten

Anna Khovanska wird noch bis Ende August ihren Freiwilligendienst in den Gedenkstätten fortführen. Sie hofft, dass es im Juni die wegen der Pandemie verschobene Ausstellungseröffnung geben kann. Zudem möchte sie beim geplanten ASF-Sommerlager in Lettland mitwirken. Florin Maletz hingegen wünscht sich, dass er bald nach Tschechien zurückkehren kann, um seinen Freiwilligendienst in der Gedenkstätte Lidice fortzusetzen. »Führungen geben, werde ich sicherlich nicht mehr, da wohl keine Reisegruppen bis August nach Lidice kommen werden, aber dafür freue ich mich umso mehr, meine Mitfreiwilligen wiederzusehen«, schließt er etwas wehmütig.


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